Oftmals verstehen wir Menschen nicht auf Anhieb. Einfach, weil wir nicht alle Erlebnisse kennen, nicht alle Stationen miterlebt haben, die zu dem Menschen geführt haben, der uns gerade gegenüber steht.
Geprägt als Außenseiterin, die in ihrer frühen Jugend stotterte und oft am Rande das Geschehen und soziale Interaktionen beobachtete, habe ich mich früh mit den Rollen von Menschen beschäftigt. Ich hatte viel Wut in mir, vor der ich vor allem selbst Angst hatte, weil sie mir so gewaltig schien. Vieles legte sich mit der Zeit. Als im Jahr 2000 mein Seelengefährte starb, reflektierte ich wohl zum ersten Mal mein Leben:
„Mein Leben gleicht einem Fluss, der je nach Umgebung mal schnell und flach, dann wieder tief und ruhig dahin gleitet.

Für mich begann als kleine, klar sprudelnde Quelle 1968 in Essen die Welt. Mit der Energie meiner Freude und Erfahrungen plätscherte ich bald schon als Bach dahin, bis ich mich 1989 mit dem Abitur zu einem kleinen, ruhig verlaufenden Fluss entwickelt hatte.
Mit meiner Ausbildung und dem berufsbegleitenden BWL-Studium nahm ich zunächst den Lauf, den meine Eltern für mich bestimmt hatten. Doch bereits kurz danach trat ich über die Ufer. Besuchte Kurse zum Thema Psychologie, schwappte das ein oder andere Mal über, als ich das Leben nebenberuflich von der sportlichen Seite als Aerobic- und Inlineskating-Trainerin zu sehen begann.
Immer mehr füllten sich meine Wassermassen und auf der Landkarte war ich bereits als ein bekanntes Gewässer zu sehen. Ich machte mich im Finanzvertrieb selbstständig, lernte das Leben und die Menschen noch einmal auf eine ganz eigene Art und Weise kennen und schätzen.
Als Fluss trug ich nun so viel Wasser mit mir, das ich immer mal wieder über die Ufer trat. Aber die angrenzende Natur, die Pflanzen freuten sich, wenn ich sie wässerte. Ich merkte immer mehr, wie ausgedörrt, vertrocknet sie mir begegneten.
Mein Leben wandelte sich. Vom Finanzvertrieb zur Lebensberaterin. Ich sprach mit den Menschen über ihre Träume, über ihre Ziele und half ihnen dabei. Während ich mich so zu einem stattlichen Fluss entwickelt hatte, traf ich auf einen ebenfalls großen Fluss. Meinem Lebensgefährten. Meine erste große Liebe. Wir schlossen uns zusammen. Wurden eins.
Im Jahr 2000 trennten sich unsere Wege. Plötzlich. Unerwartet. Seine Quelle versiegte. Ich floss allein weiter. Die Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet.
Der stattliche Fluss, der ich war, verlangsamte seinen Lauf. Wurde reicher an Erfahrungen. Und der Tod meines Lebensgefährten änderte noch einmal meine Richtung. Mit einem weiteren Studium folgte ich dem Ruf des Schreibens, der Kommunikation und der Philosophie.
Mit diesem und meinem Wissen sowie meinen Erfahrungen möchte ich anderen helfen, die Biographie eines geliebten und geschätzten Menschen zu verewigen. Helfen, zu verabschieden, helfen, Erinnerungen zu bewahren. Die guten und die weniger guten Bilder zu malen und den Verstorbenen zu portraitieren, den Lauf seines Lebens darzustellen.“

Diese Geschichte habe ich auf meiner Internetseite www.grabreden-essen.de niedergeschrieben. Das war vor inzwischen mehr als 20 Jahren. Als Fluss ging es für mich (sehr) natürlich weiter.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens nahm großen Raum ein, ebenso die Frage danach, wo denn mein Platz in dieser Gesellschaft eigentlich ist. Meine Themen waren schon recht früh ein gesundes Leben, geistig wie körperlich. Körperlich blieben Sport und Biolebensmittel, geistig suchte ich.
Ob das systemische Familienstellen oder die Beschäftigung mit den alten Religionen der Kelten und Germanen, schamanische Techniken in aller Welt, es gibt viele Techniken und Möglichkeiten der eigenen Seele Frieden zu schenken.
Finanziell ging es mir lange Zeit nicht gut. Ich rutschte in den Bezug von HartzIV, erlebte dieses menschenunwürdige System. Traf dort Beamte, die sich an ihre Macht nährten, aber auch Herzensmenschen, die wirklich halfen. Einmal finanziell ganz unten angekommen zu sein, das war für mich, aus einer „Arbeiterfamilie“ kommend, schon schwer zu verdauen. Dort wieder heraus zu kommen war auch nicht einfach. Ich hatte das Glück, dass mir meine Freundschaften erhalten blieben und der soziale Unterschied keine Rolle spielte. Dennoch war manche Erfahrung, auch schon mal hungern zu müssen beispielsweise, eine Erfahrung, auf die immer noch gerne verzichtet hätte.
Ich suchte überall nach Veränderung, nach Verbesserung meiner Situation. So habe ich klassische Therapien nicht ausgelassen und würde sie jederzeit wieder beantragen, wenn es mir schlecht geht. Mein selbstbewusstes Auftreten lässt selten den Blick auf mein Inneres zu. Da sitzt immer noch das schüchterne Wesen meiner Kindheit. Manchmal traue ich mich, es zu zeigen.
Wer mich persönlich kennt, weiß dennoch, dass ich das Herz auf der Zunge trage und ich die natürliche Neugier meiner Kindheit nie abgelegt habe. Ich gehe den Dingen auf den Grund. Wer mich kennt, weiß auch, dass ich sehr dominant und willensstark bin. Irgendwann hatte ich die Idee, ob ich mich damit nicht als Domina eigne und um das heraus zu finden, habe ich eine Ausbildung dazu gemacht.

Das ist ein andere Eigenschaft, die mich wohl auszeichnet: ich übernehme Verantwortung und eigne mir dazu das nötige Wissen an, bevor ich „auf die Menschen losgehe.“ Ich bin der Meinung, alles ist erlaubt, so lange es nicht die persönliche Freiheit anderer einschränkt. Ich für mich kam zu dem Schluss, dass es zwar interessant ist, zu dominieren, dass es mir aber keinen Lustgewinn verschafft. Also überlegte ich, ob ich damit Geld verdienen kann. Dafür fehlte mir letztlich die innere Überzeugung und ich habe dieses Kapitel als ein weiteres mit Erfahrungswerten zu meinen Akten gelegt.
Ich habe mich auch mit der Demenz beschäftigt, einer Krankheit, die immer mehr Menschen betrifft und ebenfalls viele Fragen in mir ausgelöst hat. Auch dazu habe ich über mehrere Einheiten Kurse besucht. Immer wieder dazuzulernen ist eine der elementaren Aufgaben meines Lebens und sorgt für Wissen, das breit aufgestellt ist und dennoch Tiefe zeigt. Deshalb kann ich auch inhaltlich bei vielen Themen mitreden.
Als ich vor mehr als zehn Jahren in eine Stadt mit historischem Ortskern zog, wollte ich vor allem meinen Wert wieder zurückbekommen. Innerlich empfand ich mich als „nicht wert“. Ich beschloss, auf zu viele Ehrenämter zu verzichten und wollte nur Bürgerbus fahren. Tja, was ich beschließe und was das Leben „mit mir macht“ war wohl zweierlei. Ich erlebte beinahe eine Burn Out im Ehrenamt. Zeitweilig war in ich in vier oder fünf Vereinsvorständen in unterschiedlichen Rollen tätig: stellvertretende Vorsitzende, Schriftführerin, kommissarische Kassiererin etc. Das alles erledigte ich spielend, es machte mir Spaß. Bis ich persönlich angegriffen wurde. Da setzten Stress und Burn Out-Symptome ein. Mein großes ehrenamtliches Engagement endete häufig darin, dass ich, die ich nur allzu gerne in die Verantwortung gehe, für meine Direktheit abgestraft wurde. Ich habe mir angewöhnt, nicht von Mobbing-/oder Bossing-Opfern sondern von Mobbing-Fokussierten zu sprechen. Inzwischen habe ich eine andere Sicht darauf erarbeitet: Im Grunde ist es mir eine Ehre, soviel Aufmerksamkeit zu bekommen. Also danke ich im Stillen für die Aufmerksamkeit und formuliere es so „Dieser Neid ist hart erarbeitet“.

Dennoch: Wenn sich jemand wütend gegen mich wendet, dann trenne ich seinen/ihren „Film“, die Gefühle, die sich im Gegenüber aufbauen, von meinen. Es war, wie ich es selbst an mir gern verurteile, kein guter Zug von mir, dann herablassend und ignorierend zu reagieren.
Dennoch habe ich gelernt, dass ich mich selbst schützen darf und ich mich nicht mit jeder Person auseinandersetzen muss, die sich „an mir reibt.“
Ich habe oft das Gefühl, das mein Leben mich immer ein Stück weiter auf bestimmte Aufgaben vorbereitet. Das mich Situationen und Konflikte stärken, genauso wie die tollen Momente, in denen ich mit Menschen im Herzen verbunden bin. Das bin ich auch mit den Menschen, mit denen ich im Konflikt stehe, denn sie spiegeln mir einen Anteil meines Selbst, den ich noch nicht wertfrei annehmen konnte.
Ich danke euch allen für euer Sein und zitiere aus vollem Herzen aus einem meiner Lieblingsfilme, „Avatar“:
„I c h s e h e d i c h !“